Sollen KMU ihre Preise erhöhen?

Mittwoch, 9. Juli 2008 um 08:17

Autor: Dr. Ulrich Fiechter

Inflation oder Veränderungen von Angebot und Nachfrage?

Es vergeht gegenwärtig kaum ein Tag, an dem nicht in der Presse die drohende Gefahr einer Inflation an die Wand gemalt wird. Dabei werden oberflächlich zwei Entwicklungen mit einander vermischt, die sachlich von einander getrennt betrachtet werden müssen: Der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus und die Verteuerung eines wichtigen Gutes.

Was verstehen Ökonomen unter Inflation?

In ihrem Glossar schreibt die Schweizerische Nationalbank (SNB): „Inflation ist ein über mehrere Perioden anhaltender Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Mit einem inflationären Prozess geht ein Kaufkraftverlust des Geldes einher. Preisänderungen bei einzelnen Gütern (Waren und Dienstleistungen) oder Gütergruppen, die veränderte Nachfrage- und Angebotsrelationen auf funktionierenden Märkten widerspiegeln, sind dagegen nicht mit Inflation gleichzusetzen. Gemessen wird die Inflation mit Hilfe eines Preisindexes (Konsumentenpreisindex). Die Inflationsrate misst die prozentuale Zunahme des Preisindexes.“

Ausweitung der Geldmenge

Die SNB unterscheidet klar zwischen einem anhaltenden Anstieg des allgemeinen Preisniveaus und der Veränderung der Preise bei einzelnen Gütern. Ein anhaltender Anstieg des Preisniveaus oder eben Inflation ist in der Regel nach einer übermässigen Ausweitung der Geldmenge durch die Noten- oder Zentralbank zu beobachten. Guter Anschauungsunterricht erleben zur Zeit die Leute in Simbabwe, wo die Regierung zur Finanzierung ihrer Staatsausgaben schon vor längerer Zeit die Notenpresse in Gang setzte und damit bewirkt, dass das Preisniveau um weit über 1000 % pro Jahr steigt. Ähnliche Hyperinflationen waren aus dem gleichen Grund in den 90er Jahren beispielsweise in Russland, Brasilien, Argentinien und Peru zu beobachten.

Messung der Inflation

In der Schweiz verfolgen wir die Entwicklung des allgemeinen Preisniveaus mit Hilfe des Landesindexes der Konsumentenpreise (LIK). Dieser Index ist Ende Mai 2008 im Vergleich zu Ende Mai 2007 um 2.9 % angestiegen. Eine Veränderung, die jedoch durch beide oben erwähnte Phänomene verursacht wurde. Das allgemeine Preisniveau ist um ca. 1.4 % gestiegen und über die gleiche Zeitspanne ist auf dem Weltmarkt Erdöl um ca. 83 % teurer geworden. Dadurch sind in der Schweiz vorab die Preise für Benzin um 7.4 %, die Preise für Dieselöl um 20.7 % und jene für Heizöl um 58.9 % angestiegen.

Einzelpreisveränderungen und der Landesindex der Konsumentenpreise

Die Veränderung der Preise dieser drei Produkte beeinflusst aber auch die Entwicklung des Landesindexes der Konsumentenpreise und zwar proportional zu Ihrer Bedeutung an den gesamten Verbrauchsausgaben eines repräsentativen Schweizer Haushaltes. Der repräsentative Schweizer Haushalt hat im letzten Jahr ca. 4.6 % seiner Ausgaben für den Kauf von Benzin, Dieselöl und Heizöl ausgegeben. Deshalb bewirkte der Anstieg der Preise dieser drei Güter zusammen allein einen Anstieg des Landesindexes der Konsumentenpreise um zusätzliche 1.5 %-Punkte. Zusammen mit den 1.4 % allgemeiner Teuerung ergibt dies eine Jahresteuerung per Ende Mai 2008 von 2.9 %.

Veränderungen auf den Märkten

Wenn der Erdölpreis stark ansteigt, wird allen Leuten signalisiert, dass auf dem Weltmarkt mehr Erdöl nachgefragt als angeboten wird. Dies beeinflusst viele Entscheidungen. Beispielsweise wird mit Erdöl und den daraus abgeleiteten Produkten sparsamer umgegangen. Die Nachfrage nach andern Energieträgern wird tendenziell steigen. Und die Forschung nach alternativen Energiequellen wird angeregt. Es ist selbstverständlich, dass durch die Verteuerung des Erdöls auch Produkte, bei denen der ursprüngliche Rohstoff Erdöl in veredelter Form verwendet wird, teurer werden, Strassentransporte sind ein Beispiel dafür.

Andererseits können sich Leute, die weiterhin Erdölprodukte kaufen, unter Umständen kurzfristig andere Güter nicht mehr leisten, bei diesen wird sowohl die Nachfrage als auch der Preis sinken. Sinkende Preise werden jedoch häufig kaum wahrgenommen. Aller Augen blicken wie gebannt auf den Erdölpreis.

Anpassungen bei Inflation

Bei einer Inflation gibt es ähnlich wie in einer Situation ohne Inflation Signale, dass ein Gut knapp geworden ist. Aber nach und nach steigen zusätzlich auch die Löhne, die Kosten und die Preise aller Güter. So müssen beispielsweise die Unternehmungen laufend für die eingekauften Waren höhere Preise und den Mitarbeitern höhere Löhne bezahlen. Dies verlangt, dass sie auch die Preise ihrer eigenen Produkte und Dienstleistungen anheben müssen; wie dies übrigens auch die Konkurrenz tun muss. Die wichtigen Entscheidungen zum sparsameren Umgang mit einem Gut oder zur Suche nach Ersatzprodukten, die durch die Verteuerung eines Gutes wie Erdöl ausgelöst werden, sind bei einer Inflation nur in einzelnen Situationen oder überhaupt nicht zu fällen. Ein Anstieg der Preise für Heizöl, Dieselöl und Benzin ist nur für jene Leute unmittelbar spürbar, die diese Stoffe auch kaufen; im Gegensatz dazu ist Inflation für alle Leute unmittelbar spürbar.

Die Preise anpassen oder nicht?

Sollen nun KMU ihre Preise anpassen oder nicht? Überall wo die Verteuerung des Erdöls zu höheren Rohstoff- oder Produktionskosten führt, wird dies eine Preiserhöhung auch bei den Konkurrenten erzwingen. Dadurch wird es auch für die Kunden spürbar, dass der Rohstoff Erdöl auf dem Weltmarkt teurer geworden ist. Es kann auch sein, dass durch die Verteuerung des Erdöls die Nachfrage nach Substitutionsprodukten wie beispielsweise Ergas oder Sonnenkollektoren steigt, was ein Anheben der Preise für diese Produkte rechtfertigen würde. Derartige Preisanpassungen machen jedoch nicht eine Inflation aus. Es sind normale Anpassungsprozesse an eine Störung in freien Märkten einer Volkswirtschaft, wie sie eben durch den starken Anstieg der Erdölpreise verursacht werden.

Dr. Ulrich Fiechter, Unternehmensberatung, Bern