Weniger Arbeit durch systematische Risikobeurteilung?

Dienstag, 21. Oktober 2008 um 09:49

Autor: Dr. Ulrich Fiechter

Ein systematisches Vorgehen zur Beurteilung der Risiken erleichtert der Unternehmerin und dem Unternehmer die Arbeit zur Führung des Geschäftes.

Die Absicht des Gesetzgebers

Im Dezember 2005 sind die Bestimmungen im Aktien- und Rechnungslegungsrecht über den Anhang zur Jahresrechnung erweitert worden. Eine Neuerung besteht bekanntlich darin, dass dieser Anhang „Angaben über die Durchführung einer Risikobeurteilung“ enthalten müsse (OR Art. 663b[1]). In der Botschaft des Bundesrates wurde formuliert: Die Verantwortlichkeit für den Inhalt und die Art der Risikobeurteilung liegt beim Verwaltungsrat. Die Prüfung der Geschäftsrisiken stellt keine neue Prüfaufgabe der Revisionsstelle dar; … .“.[2]

Nutzen für die Geschäftsführung

Jede unternehmerische Tätigkeit ist mit Risiken verbunden. Die oben erwähnte neue Bestimmung soll Verwaltungsrat und Geschäftsleitung dazu anhalten, regelmässig die eingegangenen oder sich abzeichnenden Risiken zu beurteilen. Gegenüber der Revisionsstelle ist einzig zu belegen, dass eine derartige Beurteilung gemacht worden ist.

Für den Verwaltungsrat empfiehlt sich deshalb ein einfaches systematisches Vorgehen. Die Systematik ist auf die Eigenart des Unternehmens auszurichten. Es sollten beispielsweise in einem Dokument die wichtigen Risiken, deren Beurteilung, die zu treffenden Vorkehrungen und die dafür zuständigen Personen festgehalten werden. Das Thema sollte zudem mindestens in jeder Sitzung des Verwaltungsrates besprochen werden. Das Protokoll der Sitzung des Verwaltungsrates, in dem auch die Besprechung der Risiken festgehalten ist, dürfte gleichzeitig den geforderten Nachweis für die Revisionsstelle ergeben, dass eine Risikobeurteilung durchgeführt wurde.

Mit diesem Vorgehen wird gewährleistet, dass mindestens die Mitglieder des Verwaltungsrates und die Geschäftsleitung auf die wichtigen Risiken achten und diese auch regelmässig besprechen. Es muss nicht ständig an alle Risiken gedacht werden. Die Köpfe werden für andere Führungsarbeiten entlastet. Kommen neue Fälle dazu, kann mit dieser Vorarbeit die veränderte Entscheidungssituationen rascher in einen Gesamtzusammenhang gestellt und unter Berücksichtigung der bereits eingegangenen Risiken umfassend beurteilt werden.

Abwehr unverhältnismässiger Auflagen

Aufgrund von Erfahrungsberichten aus Unternehmungen, Vorschlägen von Revisoren in Fachartikeln und Referaten wird von Unternehmerseite heute beklagt, dass die Revisionsstellen umfangreiche Vorgaben machen und detailgetreue Belege über die durchgeführte Risikobeurteilung verlangen. Dies ist die Fortsetzung einer unheiligen Allianz zwischen Banken und Revisionsstellen, die sich schon bei der Ausarbeitung des Gesetzes bildete. Die Kreditgeber sind vermutlich froh, wenn sie vermehrt Prüfarbeit auf die Revisionsstellen auslagern können, statt diese selber zu tun; und die Revisionsstellen freuen sich, mehr Dienstleistungen verkaufen können. Wie diese Ausweitung der Prüfarbeit letztlich der Unternehmung und den Aktionären dienen soll, bleibt unbeantwortet.

Für die Unternehmungen übersteigt jedoch der Arbeitsaufwand schon bald den aus einem komplizierten Risikomanagement resultierenden Nutzen. Dies widerspricht auch der ursprünglichen Absicht des Gesetzgebers. Gegen diese Entwicklung sollten sich heute alle Unternehmerinnen und Unternehmer zur Wehr setzen. Eine systematische Risikobeurteilung muss der Unternehmung einen Zusatznutzen stiften, der mindestens darin besteht, dass der Arbeitsaufwand des Unternehmers reduziert wird.

Dr. Ulrich Fiechter, Unternehmensberatung, Bern


[1] http://www.admin.ch/ch/d/sr/2/220.de.pdf (Anpassungen im Aktienrecht vom 16. Dez. 2005)

[2] http://www.admin.ch/ch/d/ff/2002/3148.pdf (Botschaft zur Änderung des OR, S. 4023)