Wollen wir einen neuen staatlichen Zwang für die Pensionskassen?

Freitag, 22. Januar 2010 um 11:48

Autor: Dr. Ulrich Fiechter

Aktuelle Forderungen

In der Medienmitteilung zur Innovationsstrategie der FDP vom 3. August 2009 steht: „0,5% des Pensionskassenkapitals sollen in die Finanzierung von Start-ups fliessen.“ Und Nationalrat Ruedi Noser fordert in einem Interview mit der Handelszeitung: „Es braucht mehr Risikokapital für Start-ups .“. Es scheint, Herr Noser möchte sogar staatlichen Druck auf die Pensionskassen ausüben, wenn er weiter sagt: „Zur Verbesserung der finanziellen Rahmenbedingungen sollte man die Pensionskassen zwingen, bei der Start-up-Finanzierung in der Schweiz aktiver zu sein.“ (Handelszeitung Nr. 43, 21. Okt. 2009). In eine ähnliche Richtung zielt der von der Gewerkschaft Unia an ihrer Medienkonferenz vom 15. Oktober 2009 vorgestellte Produktionsfonds. Mit diesem Fonds sollen sichere und billige Kredite in innovativ produzierende Unternehmungen geleitet werden. Der Fonds soll mit Geldern der zweiten Säule gespeist werden, und die Nationalbank soll nach Vorstellung der Unia die Verzinsung und Amortisation garantieren.

Erfahrungen

Ist es eine Aufgabe des Staats, die Pensionskassen zur Gewährung von Risikokapital („Venture Capital“) zu zwingen? Aufgrund von Erfahrungsberichten ergeben sich berechtigte Zweifel, dass die Performance der Schweizer Pensionskassen nachhaltig gesteigert werden kann, indem sie gezwungen werden, einen Teil der ihnen von Erwerbstätigen und Rentnern anvertrauten Geldern als Risikokapital direkt an junge Unternehmungen in der Schweiz auszuleihen oder indirekt in Schweizer Venture-Capital-Gesellschaften anzulegen, die ihrerseits in „zukunftsträchtige“ Schweizer Unternehmen investieren.

Es ist zwar allgemein bekannt, dass für Risikokapitalgesellschaften die anvisierten Jungunternehmungen (Start-up) eine wichtige Zielgruppe bilden. Einzelne Fonds finanzieren auch die Produktentwicklung vor dem Start einer Unternehmung („seed-money“), und den Unternehmungen werden weitere finanzielle Mittel gewährt, wenn sie erfolgreich sind und wachsen. Es darf jedoch nicht von einem effizienten Markt ausgegangen werden. Man kann also nicht einfach ein beliebiges Portefeuille von Schweizer Firmen zusammenstellen und dann eine Rendite von 15 % pro Jahr erzielen. Bei all diesen Forderungen werden nämlich verschiedene wichtige Aspekte übersehen.

Voraussetzungen

Der frühere Manager des grossen Pensionskassenvermögens der US-Firma AT & T, Tom A. Judge, hat schon vor über zehn Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass zur Erzielung einer nachhaltig überdurchschnittlichen Rendite mit sogenanntem Risikokapital eine dem hohen Risiko entsprechende Diversifikation notwendig sei, und zwar müsse die Diversifikation nach verschiedenen Aktivitäten und Aktivitätszyklen der Unternehmungen erfolgen, in die investiert wird. Zudem sei nach verschiedenen Regionen in den USA und anderen Ländern sowie nach unterschiedlichen Entwicklungsstadien der Unternehmungen zu diversifizieren. Diese Voraussetzungen würden in Europa häufig nicht beachtet, und für Investitionen in Unternehmungen allein in der Schweiz fehlen sie, weil dieses Land zu klein sei.

Am Beispiel der Aktivitäten soll ein weiteres Erfordernis illustriert werden. Es braucht nämlich Fachleute, die für ein oder zwei Firmenaktivitäten Spezialisten sind, zur Selektion der Unternehmungen mit Potential. Gemäss den Erfahrungen von Tom A. Judge resultiert aus der Beurteilung von ungefähr 150 Projektanträgen ein Projekt, das finanziert werden kann. Die Fachleute müssen die ausgewählten Unternehmungen auch begleiten. Sie unterstützen dabei den Umgang besonders mit den unsystematischen unternehmensspezifischen Risiken. Unter Umständen muss die Unternehmung eine Richtungsänderung vornehmen. Dies ist ein sehr komplizierter Prozess. Auch um diesen erfolgreich zu bewerkstelligen, sind Fachleute mit hohem Spezialisierungsgrad nützlich.

Lehren für die Schweiz

Aus diesen Feststellungen und aufgrund schweizerischer Besonderheiten können Verhaltensregeln bezüglich Schweizer Pensionskassen abgeleitet werden. Die Pensionskassen dürfen sicher nicht gezwungen werden, direkt in Firmen zu investieren. Der Fall der Berner Lehrerversicherungskasse, die vor vielen Jahren selber entschieden hatte, Risikokapital an Unternehmungen zu gewähren und daran scheiterte, sollte allen eine Warnung bleiben. Die Pensionskassen dürfen auch nicht gezwungen werden, Schweizer Unternehmen Risikokapital zu gewähren. Die Schweiz ist zu klein, um eine für eine gute Rendite notwendige Diversifikation zu ermöglichen. Den Pensionskassen fehlen auch die Fachkenntnisse für die Auswahl und die Begleitung von Unternehmungen, und diese können auch nicht einfach bei Dritten eingekauft werden.

Wenn eine Pensionskasse in Aktien von börsenkotierten Unternehmungen investiert, dann kann sie diese jederzeit wieder verkaufen. Im Gegensatz dazu ist der Ausstieg aus Risikokapitalinvestitionen in der Schweiz wegen der geringen Marktgrösse äusserst aufwändig. Dies erschwert zusätzlich das Erreichen einer anvisierten „hohen“ Rendite. Wenn zudem eine durch eine Pensionskasse finanzierte Unternehmung in Schwierigkeiten gerät,  könnten die Pensionskassenverantwortlichen überfordert sein, und wichtige Entscheidungen würden hinausgezögert, bis es zu spät und dadurch auch das investierte Kapital verloren ist.

Schlussfolgerung

Sollen nun Schweizer Pensionskassen überhaupt kein Risikokapital zur Verfügung stellen? Doch, aber nur, wenn sie in international breit diversifizierte Fonds investieren können, die nachweisbar über viele Jahre eine dem höheren Risiko entsprechende höhere Rendite erwirtschaften. Es darf jedoch kein Zwang auf die Pensionskassen zur Gewährung von sogenanntem Risikokapital ausgeübt werden. Das Management der Pensionskasse muss selber entscheiden und für das Ergebnis über längere Zeit die Verantwortung gegenüber den Rentnern und den Erwerbstätigen übernehmen. Wenn zudem eine Garantie der Nationalbank für die Zinszahlungen und die Amortisation verlangt wird, dann ist dies ökonomisch etwa gleich unsinnig, wie wenn die Nationalbank den Unternehmungen das Geld direkt à fonds perdu zur Verfügung stellen und den Pensionskassen für die im Vergleich zu sicheren Anlagen „entgangene“ Zinsdifferenz eine variable Rente überweisen müsste.

Dr. Ulrich Fiechter, Unternehmensberatung, Bern